SCOTT Genius 900 Tuned – Testfazit: von c_g
(hierzu erschienene Artikel: Offizielle Vorstellung des 2018er SCOTT Genius, Erste Praxiserfahrungen auf den Eurobike Media Days’17, Testintro und erste Praxiserfahrungen)

Das 208er SCOTT Genius 900 Tuned hat im zweiten Testabschnitt leider nur sehr selten trockene Verhältnisse angetroffen …

Ich weiß nicht ob ihr es schon mitbekommen habt, aber obwohl es auf den ersten Blick scheint, als hätte es in den letzten beiden Jahren kaum wirklich nennenswerte Entwicklungen im Bike-Sektor gegeben hat, ist es doch eindeutig so, dass die Bikes immer besser werden. Und damit meine ich nicht nur besser in einem speziellen, eng begrenzten Bereich, sondern rundum potenter und auch vielseitiger. Ich weiß, dass ich die Begriffe in den letzten Monaten zu oft benutzt habe, aber sie beschreiben tatsächlich am Besten, was die heutige Klasse der 130 bis 150 mm Bikes ist: Vielseitig und Potent.

Bergauf wie bergab ist das SCOTT Genius ein wirklich erstklassiges Bike.

Genauso ist es auch mit unserem aktuellen Testbike, dem 2018er SCOTT Genius 29er, das ich seit fast 4 Wochen in der edelsten 900 Tuned Version fahre. Eine genaue Vorstellung des Genius mit allen seinen technischen Details und Komponenten findet ihr in den oben aufgeführten Links. Mit seiner Position ganz oben in der Modellpalette gibt es bei den Komponenten natürlich nicht wirklich viel zu beanstanden. Die SRAM X01 Eagle Gruppe funktioniert auch hier wieder genauso präzise wie die Testgruppe im Dauertest, die SRAM Guide RSC Bremsen verzögern jederzeit zuverlässig und auch die für SCOTT gelabelten DT-SWISS Laufräder blieben bisher ohne jegliche Auffälligkeiten. Mit gerade mal 12,15 kg Komplettgewicht ist das Bike natürlich in allen Lagen wunderbar leichtfüßig, kostet in der Tuned Version aber auch satte 7499.- Euro. Aber keine Sorge, das Genius gibt es auch in „kontofreundlicheren“ Preisregionen.

Den Trailverhältnissen gemäß, mussten ein paar gröbere Reifen her.

Gegenüber dem vorangegangen Artikel zum Genius, in dem ich das Bike, komplett im Serientrimm gefahren bin, habe ich es für den zweiten Teil auf etwas gröbere Reifen umgerüstet. Die an meinem Testbike verbauten MAXXIS Rekon in 29x 2.6“ (in Serie kommt es mit 29×2.6“ SCHWALBE Nobby Nic Reifen) waren zwar ausgesprochen schnell und zudem sehr komfortabel und gut dämpfend, aber gerade auf den zunehmend weichen bis komplett schlammigen Böden dieses Frühwinters waren sie dann doch schnell überfordert. Insbesondere was die Bremstraktion und Kurvenführung angeht, war hier ein Upgrade angesagt. Mit dem CONTINENTAL Der Baron 2.4 Project war die Traktion schon mal kein Thema mehr. Dieser Reifen gehört, mit dem SCHWALBE Magic Mary, zu dem auf nass-weichen Waldböden sichersten Reifen, die ich kenne.
Zusätzlich habe ich auch die Federung ein wenig weicher und aktiver eingestellt – bei den aktuellen Verhältnissen fordern die nassen Wurzeln auf meinen Testtrails einfach jedes bisschen an Traktion um ein derartiges Bike auch dann noch richtig auszufahren.

 Diese Umstellung hat mich wiederum dazu bewogen eine vorher geäußerte Kritik noch mal zu überdenken – und zwar die an der Positionierung des Dropper Post Remotes gegenüber dem TwinLoc-Hebel. Sobald ich nämlich die Federung auf maximalen Komfort (oder Traktion) gestellt hatte, wurde der TwinLoc Hebel einer meiner besten Freunde. Während ich ihn vorher weniger oft genutzt habe als den Dropper-Remote, war es fortan ziemlich Gleichstand. Zudem muss ich SCOTT ein Lob aussprechen, denn während die drei Hebel links am Lenker vielleicht zuerst verwirrend wirken, hatte ich mich schon sehr bald daran gewöhnt und nutzte sie fast immer intuitiv richtig. Ein versehentliches Betätigen des TwinLoc- anstatt des Dropper-Remotes passierte nur wenn ich von einem anderen Testbike mit 1xRemote wieder aufs SCOTT umgestiegen bin. Grundsätzlich hat SCOTT sich das wirklich gut überlegt und auch die Positionen zueinander sorgfältig überdacht. Gut gemacht.

Während ich zu dem Cockpit damit keine objektiven Beanstandungen hatte – das Handling und auch die Vibrationsdämpfung der SYNCROS Hixon iC SL Carbon Lenker/Vorbau-Einheit sind sehr gut – hätte ich mir persönlich trotzdem hin und wieder einen etwas höheren Lenker und andere Griffe gewünscht. Mit der schicken und sehr leichten Lenker-Einheit und der Integration der Remotes in die linke Griffklemmung wäre das aber aufwendiger geworden, als ich es für einen Test rechtfertigen konnte.  An einem Punkt wie dem Cockpit lässt sich auf diesem Weg zwar ordentlich Gewicht einsparen (die Lenker-/Vorbau-Einheit soll nur 276 g wiegen!), aber so ist es nun Mal bei der Systemintegration – die individuellen Verstellmöglichkeiten werden damit eingeschränkt. Allerdings muss ich hierbei auch anmerken, dass ich bei solchen Themen auch besonders empfindlich und kritisch bin. (Anmerkung: Der Kunde bekommt mit dem Rad noch einen separaten Gummiring geliefert, der es ermöglicht jeden beliebigen Griff am Genius zu fahren. Neben der hier verbauten Version der Hixon Lenker-/Vorbau-Einheit mit effektiv 50 mm langem Vorbau gibt es noch Varianten mit 40 und 60 mm. Unterschiedliche Rise-Versionen gibt es allerdings nicht – hierfür müsste man mit einem separaten Vorbau und Lenker arbeiten.)

Die Flip-Chip Geometrieverstellung des Genius ist einfach und doch mit spürbarer Wirkung. Hier in der Low-Position.

Wie angekündigt habe ich für den zweiten Testabschnitt auch immer wieder den Flip-Chip zur Geometrie-Feinjustierung genutzt. Anders als beim RIDE-9 des RMB Instinct gibt es beim Genius nur 2 Positionen („High“ und „Low“). Die Umstellung geht recht einfach durch herausdrehen der Aluachse, umdrehen der Excenter-Chips und erneutes Verschrauben. Mit 0,6° Unterschied beim Lenk- und Sitzwinkel, sowie ca. 6 mm in der Tretlagerhöhe (ca. 340 bzw. 346 mm) ist der Unterschied durchaus spürbar, aber ohne, dass das Bike dadurch seinen universellen Grundcharakter verliert. Das Genius ist und bleibt ein vielseitiges Bike. Mit einem 65° Lenkwinkel und 74,8° Sitzwinkel in der Low-Position würde man eigentlich ein waschechtes Race-Enduro erwarten, aber dem ist nicht so. Während das Handling in LOW durchaus stabiler und noch sicherer wurde, war das Genius trotzdem nie einseitig. Auch bergauf war das Bike so noch sehr gut zu fahren und hat selbst steilste Wurzeltrails souverän im Sitzen erklommen. Keine Spur von Hecklastigkeit oder schneller aufsteigender Front. Allerdings ist mir aufgefallen, dass ich in der Low-Position auf meinen Wurzeltrails spürbar häufiger mit den Pedalen aufgesessen bin.

   

Nach dem Test bin ich wirklich beeindruckt, wie SCOTT es beim Genius geschafft hat in den beiden Geometrie-Optionen die feine Balance zwischen Fahrstabilität (sprich: Sicherheit) und Agilität (sprich: Verspieltheit) aufrecht zu erhalten. Das Genius geht den Geometriewerten nach durchaus in Bereiche, die man allgemein hin als sehr progressiv bezeichnen würde, aber die Magies des Genius ist die, dass der Fahrer das Handling in der Praxis überhaupt nicht als einen Grenzgang erlebt, sondern nur als selbstverständlich und ausgewogen. Ein Bike über die man nicht weiter nachdenken muss. Das ist es was ich unter „perfektem Handling “ verstehe.

Ein paar Worte muss ich noch zur Federungs-Performance verlieren. Vor ein paar Jahren hätte man gesagt, dass ein Bike mit 150 mm Federweg immer Kompromisse im Uphill machen müsse, dass es bergauf unwillkürlich einsacken würde …. doch das Genius räumt auch mit solchen Vorurteilen ein für alle Male auf. Zugegeben, mit bewusst auf Traktion und Komfort getrimmtem Heck (SAG ca. 30%) habe ich gerne und oft den strafferen Traction-Modus genutzt, aber bereits bei ca. 25% Sag und einer ebenfalls sehr guten Federungs-Performance gab es für mich bergauf auch offen keine Beanstandungen.

Über wirklich grobe Trails und bergab bietet das Genius immer eine sehr gute Performance, an der es nichts auszusetzen gibt. Ich habe es zwar selber nicht ausprobiert, aber alle Indizien sprechen für mich dafür, dass das Genius auch sehr gut mit einer auf 160 mm erweiterten Gabel funktionieren dürfte (… aber wer weiß was SCOTT noch so alles bringt, den aktuell fehlt ja ein Genius LT im Programm der Schweizer ;-)).

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Testfazit:

Das jüngste Genius aus dem Hause SCOTT mag mit seinem neuen Design und der progressiven Geometrie auf den ersten Blick eher abfahrtslastig wirken, aber es knüpft ganz klar an den Tugenden seines Vorgängers an. „Ein Bike für alle Fälle“ dürfte die treffendste Zusammenfassung des SCOTT Genius sein. Es besitzt einerseits sehr viel Fahrstabilität für High-Speed und technische Trails, kommt aber doch so verspielt und agil daher, dass es in beinahe jeder Fahrsituation Spaß macht.

Wieder ein Bike, mit einem derart breiten Einsatzspektrum, dass es schwer fällt es auf nur eine Bike-Kategorie einzuschränken. Effizientes Trailbike? JA, klar! Touren und All-Mountain? Definitiv ! Enduro? Eigentlich auch noch und mit einer längeren Gabel definitiv auch JA. Und weil man die Kerntechnologien und grundlegende Geometrie des Bikes an allen SCOTT Genius Modellen findet, nicht nur am getesteten Topmodell, findet auch jeder in der passenden Preisklasse sein „One-for-All“ Genius. Was es da noch zu ergänzen gibt? Nicht viel, außer „Gut gemacht SCOTT!“

RIDE ON,
c_g