PIROPE Faserspeichen & SCOTT Silverton SL – zwei neue Ansätze in Sachen Laufräder: von c_g

PIROPE (bestehend aus “Pi” für die mathematische Kreiszahl und “Rope” für „Seil“) ist eine erst 2017 gegründete, die es sich zur Aufgabe gemacht hat die heute üblichen Metallspeichen (Stahl oder Alu) durch Faserspeichen zu ersetzen und damit Laufräder noch leichter zu machen.

Der Grundgedanke dabei ist es, dass bei einem herkömmlichen Laufrad von den mechanischen Eigenschaften der Speichen eigentlich nur die Zugfestigkeit ausgenutzt wird. Weil es aber mittlerweile textile High-Rech-Fasern gibt, die bei vergleichbarer oder sogar besserer Zugfestigkeit und Elastizität auch noch viel leichter sind, liegt der Gedanke natürlich nahe diese fasern auch als Speichen am MTB einzusetzen. Mit einem durchschnittlichen Gewicht von um die 2 g für eine textile Speiche aus der High-TechFaser Vectran gegenüber 5-8 g für eine Stahlspeiche läßt sich so schnell richtig viel (rotierende) Masse an einem Laufradsatz einsparen … und das ohne Abstriche in der Steifigkeit oder Stabilität.

Modifizierte Alufelgen und Naben von NEWMEN und eigenentwickelte Faserspeichen – so sehen die ersten PIROPE Laufräder aus.

Was die Defektanfälligkeit angeht, sollen die flexiblen Faserspeichen sogar besser dastehen, als metallische Speichen. Der Vorteil der Faserspeichen ist dabei, dass sie gegenüber äußeren Krafteinwirkungen einfacher seitlich ausweichen können und immer wider in ihre Ursprungsform zurückkehren. Schäden durch Steinschlag und sonstige Belastungen sollen dadurch kein Thema mehr sein. Wer aber noch sicherer gehen will, kann die Faserspeichen auch mit einer optionalen Schutzbeschichtung ordern. Äste oder andere Fremdkörper können die Speichen zwar im schlimmsten Fall weiterhin zur Überlast und damit zum Bruch bringen, allerdings  sollen die Faserspeichen auch hier merklich robuster sein als herkömmliche Speichen. Gegebenenfalls lassen sie sich auch einfach austauschen. Auch was die UV- und Witterungsbeständigkeit angeht, soll es keinerlei Nachteile geben. Außerdem sollen die Faserspeichen aufgrund ihrer speziellen Eigenschaften auch Vibrationen besser abdämpfen und damit auf Dauer mehr Komfort generieren.

In den Abbildungen sind die Speichen zwar schlicht beige, aber wenn gewünscht, lassen sich die Speichen auf Wunsch auch einfärben.

Dabei hat PIROPE nicht das Ziel, das Laufrad neu zu erfinden, sondern lediglich es durch ihre Speichen-Technologien zu optimieren. Als einer der ersten kommerziellen Partner, hat sich PIROPE mit NEWMEN zusammengetan. Die Allgäuer liefern dabei die (modifizierten) Naben und Felgen, die dann bei PIROPE in Chemnitz per Hand zu kompletten Laufrädern aufgebaut werden. Um die Textilspeichen und speziellen Nippel aufzunehmen, müssen die Straight-Pull-Nabenkörper und Felgen allerdings modifiziert werden, was in diesem Fall spezielle Bohrungen und Gewinde bedeutet. Die Speichenzahl von 28 Stück und Art der Kreuzung, auch hier dreifach, wird dabei von klassisch eingespeichten Laufrädern vorerst übernommen. Zusammen mit den NEWMEN Komponenten und PIROPE-Speichen sollen so verschiedene MTB-Laufradsätze entstehen, die erheblich leichter und zugleich robuster sind, als ihre normal verspeichten Pendants.

Um die etwas dickeren Speichen und Nippel in der Felge zu verankern, müssen die Speichenlöcher etwas größer sein, als mit normalen Stahlspeichen üblich.

Aktuell bietet PIROPE zwei Laufradsätze an, mit einem dritten in Planung: Der RaceLine One A.30 ist als All-Mountain-LRS ausgelegt und basiert auf der NEWMEN SL.A30 Felge (30 mm Innenweite) und der dazugehörigen Nabe. Samt ihrer Faserspeichen gibt PIROPE hierfür ein Gesamtgewicht von gerade mal 151g g im 29er Format an (1445 g für 27,5″). Das wären über 200 g weniger, als das vergleichbare NEMWEN Pendant mit Stahlspeichen.
Eher für XC- und Marathon ausgelegt ist dagegen der RaceLine One X.A.25 Laufradsatz mit einer 25 mm breiten NEWMEN Alufelge und den passenden Naben. Er soll es gar auf  nur 1236 g in 29 Zoll bringen (1193 g in 27,5″). Wer es noch leichter möchte, für den plant PIROPE bereits eine Kombination mit der 22 mm breiten NEWMEN Carbonfelge die es angeblich auf gerade mal 1060 g in 29 Zoll bringen soll.
Wer angesichts der innovativen Technologie und der versprochenen Gewichtsersparnis schon besorgt auf den Kontostand schielt, darf dabei aufatmen. PIROPE veranschlagt zum aktuellen Zeitpunkt gerade mal 1048.- Euro für den RaceLine One A.30 und 1199.- Euro für den RaceLine One X.A.25.

Das Team von PIROPE besteht mittlerweile aus sechs Leuten, hier drei davon, die ich auf dem BIKE Festival in Riva getroffen habe – von rechts: Ingo Berbig, Stephanie Röthlingshöfer und Falk Hofmann.

Aktuell werden noch die Voraussetzungen für die Serien-Produktion geschaffen, aber PIROPE geht davon aus in 1-2 Monaten, also noch diesen Sommer lieferfähig zu sein. Wir sind bereits im Gespräch um dann einen ausführlichen TNI-Test damit durchzuführen.

 

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SCOTT Silverton SL – Vollcarbonlaufradsatz

SCOTT war noch nie eine Marke, die es sich selbst leicht gemacht hat, wenn es um Innovationen geht. Die brandneuen Silverton SL Laufrädersind ein hervorragendes Beispiel, was herauskommt, wenn man das absolut beste Laufrad bauen will, das man derzeit bauen kann. Immerhin zwei Jahre haben die Ingenieure getüftelt, unterschiedlichste Konfigurationen ausprobiert und sind schließlich bei der aktuellen Konstellation mit 20 gekreuzten Carbon-Speichen als optimalen Kompromiss aller gewünschter Eigenschaften angelangt.

Mit dem Silverton SL Laufradsatz zeigt SCOTT was derzeit alles im Laufradau möglich ist.

Als auf XC- und Marathon ausgelegter LRS sollen die Silverton SL nicht nur sehr leicht sein, sondern auch richtig steif und hervorragend zu bescheunigen sein. Mit 1250 g zählen sie definitiv zu den leichteren, vor allem wenn man bedenkt, dass die Felgen immerhin 26 mm Innenweite besitzen, brechen aber keine Gewichtsrekorde. Glaubt man aber den Angaben von SCOTT, die eine genaue Analyse der Konkurrenzprodukte unternommen haben, so sollen die Silverton SL Laufräder nicht nur viel steifer sein – es werden 30% mehr laterale Steifigkeit und 100% mehr torsionale Steifigkeit genant –  sondern sich vor allem extrem schnell beschleunigen lassen.

1250 g pro Laufradsatz und mit deutlich höherer Steifigkeit – mit diesen Deckdaten sollen die Silverstone SL Laufräder ungeahnte Fahrleistungen bereitstellen.

Doch das sind nur die Eckdaten und Auswirkungen der Silverton SL – die wirklich spannende Story der Laufräder steckt für mich in ihrer aufwendigen einteiligen Konstruktion aus Carbon. Hier sind die Speichen, Nabenkörper und Felge keine eigenen Untereinheiten die zum Schluss zusammengefügt werden, sondern sind von vornherein als Einheit gefertigt.

 

Ein Laufrad besteht zwar weiterhin aus mehreren Teilen (8 Stück, wenn ich mich recht erinnere), aber eben nicht mit der klassischen Unterteilung. So sind die sich kreuzenden Speichen nicht nur nachträglich zusammenlaminiert, sondern haben bereits bei deren Herstellung verschränkte Gewebe. Außerdem verlaufen die Speichen ohne Unterbrechung von einer Felgenseite zur anderen und werden nicht nur auf die Carbonfelge aufgesetzt, sondern mit deren Seitenwand verschränkt laminiert. Um beim fast finalen Produkt aus Carbon-Nabenflanschen, -Speichen und –Felge die Speichen auf die richtige Spannung zu bringen, werden die beiden Flanschringe (siehe Abbildung) durch einen genau berechneten Carbon-Nabenkörper auseinandergespreizt. Auch hier braucht es einen genialen Geist um auf eine so einfache aber effektive Lösung zu kommen und umzusetzen. Das Innenleben der Nabe kommen wie gewohnt von DT-SWISS, mit der Technik der 190 Naben (mit Keramiklagern). Weil es ja keine separat eizusetzenden Speichen mehr gibt, kommt die Felge auch ohne Speichenbohrungen aus, wodurch sie auch ohne Dichttape tubeless ist – SCOTT spricht von tubeless-ever-ready.

Die SCOTT Silverton SL kommen für die Saison 2019 serienmäßig am Topmodell der XC-Serie Spark, sind aber auch separat erhältlich.

Durch die letztlich einteilige Konstruktion sollen die SCOTT Silverton SL konkurrenzlose Fahreigenschaften haben und sollen absolut wartungsfrei sein. Kleinere Schäden am Laufrad seine, nach Aussage von SCOTT reparabel und für den ungünstigsten Fall eines irreparablen Schadens an den Speichen oder der Felge wird es ein Crash-Replacement Programmieren. Fakt bleibt jedoch, dass SCOTT mit den Silverton SL nicht ein Massenprodukt für den täglichen Einsatz bringen will, sondern ein Race-Only-Vorzeigeprodukt, das den absoluten Perfektionisten und Top-Level-Racern einen spürbaren Vorteil im Wettkampf bringen soll – ein Produkt, das zeigen soll, was derzeit technisch möglich ist. Und weil so etwas nie günstig ist, wird ein SCOTT Silverton SL Laufradsatz auch nur für atemberaubende 3500.- Euro über den Ladentisch gehen. Ein wahrlich exklusives Produkt, das sich wohl nur wenige von uns ans Bike schrauben werden, aber trotzdem ein spannendes. SCOTT gab auch an, dass dieser Laufradsatz nur der Anfang wäre, und dass man bereits daran arbeiten würde die Technologien auch in anderen Anwendungsbereichen wie etwa Trailriding oder Enduro umzusetzen.

RIDE ON,
c_g