QUARQ ShockWiz – Testfazit: von c_g

Vor nicht ganz 4 Wochen habe ich euch bereits meine ersten Eindrücke zu dem digitalen Setup-Tool ShockWiz in einem Artikel gebracht. Bereits damals haben der kleine Kasten und die dazu gehörige Smartphone-App einen recht guten Eindruck hinterlassen.

Die Ergebnisse haben mir zwar in erster Linie bestätigt, dass mein derzeitiges Setup am Bike bereits sehr gut sind – wie es für jemandem der sich Tester nennt, auch sein sollte – aber das beweist schon mal dass das System prinzipiell sehr zuverlässig und präzise arbeitet. Fährt man immer wieder die identische Testrunde wie ich es der Vereinfachung wegen am Anfang gemacht habe, so zeigt ShockWiz zu 99% reproduzierbar immer die gleichen Ergebnisse.
Baut man jedoch Änderungen in die jeweils gefahrenen Teststrecke ein … etwa ein ausgelassener Sprung oder eine angehängte XC-Runde, führen diese Änderungen zu immer anderen Ergebnissen. Selbst eine einzige unsaubere Landung mit heftigem Durchschlag bewirkt schon einen dramatischen Abfall des „Tuning-Scores“ und führt zu Abweichungen bei den Änderungsvorschlägen.

In der zweiten Testphase habe ich ShockWiz vor ein paar neue Herausforderungen gestellt. Der erste Themenbereich waren die Reifen bzw. der Reifendruck. Die einfache Erkenntnis dabei war, dass ShockWiz hierfür entweder nicht sensibel genug ist oder es in seinem Algorithmus einfach nicht berücksichtigt wird wie sich die Reifen als Teil des Fahrwerks verhalten. Obwohl man als Fahrer sehr deutliche Unterschiede zwischen 1,2 bar und 2,5 bar im Reifen und auch zwischen 1,2 bar in einem 2,35er Normalreifen und 1,2 bar in einem 3,0“ Plusreifen feststellt, scheint das für ShockWiz komplett “Jacke wie Hose“ zu sein, denn das System hat immer die gleichen Ergebnisse ausgespuckt.

 

Auch als ich kurz den MAXXIS Chronicle 29×3,0“ Reifen vorne gefahren habe, ein Reifen der mich in manchen Situationen förmlich in die Höhe katapultiert hat (dabei auch die oben erwähnte, verpatze Landung auf dem Hinterrad ;-)) hat ShockWiz darin keinen Handlungsbedarf bei der Gabeldämpfung gesehen. Etwas mehr Zugstufendämpfung und das Thema war weitgehend wieder behoben. Weil der Katapulteffekt aber eben nicht aus der Gabel kam wo ShockWiz ja seine Daten sammelt, war das System hier schlichtweg überfordert weil hierfür nicht ausgelegt.

 

Die nächste Herausforderung für ShockWiz war der eben erst vorgestellte CANE CREEK DB Air (IL) Dämpfer – ein Dämpfer, der mit seinen diversen Einstellmöglichkeiten so manchen Normalbiker schnell überfordert und bei dessen Setup ShockWiz sicher helfen kann. Die erste Hürde war schon mal der Anschluss des Druckschlauches selber, der wegen des eng an der Luftkammer anliegenden Ventils ein wenig „handwerkliches Zureden“ erforderte, ehe die Montage möglich war. Die Kalibrierung selber verlief dagegen genauso unkompliziert und präzise, wie vorher auch.

Die erste Überraschung kam bereits auf der ersten Testrunde, als ShockWiz mir bereits im werkseitigen Base Tune, also ganz ohne Anpassung auf das Bike (außer dem Luftdruck natürlich :-)) einen sehr guten Tuning Score von 96% attestierte. Das merkwürdige daran, war nur, dass das Bike sich ungleich straffer und direkter fuhr, als vorher mit dem FOX DPS Dämpfer. Zwei unterschiedliche Dämpfer, ein fast gleicher Tuning Score und trotzdem ein komplett anderes Fahrgefühl. Das ist in der Tat interessant.
Weil mir die Fahrperformance ohnehin nicht so gut gefallen hat, habe ich auch gleich angefangen den CANE CREEK Dämpfer nach den von ShockWiz vorgeschlagenen Parametern (Suggestion Page) zu optimieren. Vor allem in der Low- und High-Speed Druckstufe hat ShockWiz nach weniger Dämpfung „gerufen“. Bei der Zugstufe war ShockWiz sich zum Teil unschlüssig und schlug mir mal etwas mehr und mal etwas weniger Dämpfung vor – weshalb ich das irgendwann einfach ignoriert habe.
Paradoxererweise ist mit jeder vollzogenen Änderung, die Shockwiz mir vorgeschlagen hat, zwar mein ganz persönliches Fahrerlebnis besser geworden, nicht aber der resultierende Tuning-Score. Am Ende und nach vielen schrittweisen Änderungen bin ich zwar auch bei einem sehr guten Tuning Score von 96% abgelangt, aber auf dem Weg dorthin habe ich gelernt, mich eher an die Änderungsvorschläge zu halten und das Tuning Score Ergebnis zu ignorieren.

Überhaupt war in der Zeit mit dem Cane Creek Dämpfer festzustellen, dass der Tuning Score innerhalb der ca. 1-stündigen Testrunde deutlich höheren Schwankungen unterlag, als vorher beim FOX Dämpfer. Mit dem CANE CREEK hatte ich in einem Augenblick einen Score von 96% und nur eine Trailabfahrt und 2 Minuten später war er schon auf 76% gesunken, nur um dann am Ende der Runde wieder bei 90% zu landen … keine Ahnung warum oder wie das überhaupt sein kann.

Die ohnehin komplexe Frage danach wie nützlich ShockWiz dabei sei auch auf unterschiedlichen Trails zu einem guten Setup zu kommen, bin ich deswegen auch in der spätern Testphase nicht wirklich näher gekommen.

Leider musste ich den Test damit auch schon beenden, denn die ShockWiz Einheiten mussten schon wieder weiterzum nächsten Test beim nächsten Magazin … und so hinterließ die abschließende Testphase mit dem komplexeren CANE CREEK Dämpfer bei mir einen eher gemischten Eindruck. Einerseits haben die Vorschläge der „Suggestion Page“ es mir wirklich erleichtert schneller zu einem besseren Setup und zu einer besseren Fahrperformance zu kommen. Andererseits haben die wenig konsistenten Tunig-Score Bewertungen bei dem Dämpfer eher zur Verwirrung, als zur Klärung beigetragen.

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Zwei Kritikpunkte:

Überflüssige Detections Page: Einen Punkt, der Kritik habe ich noch zur App. Während die „Suggestions“ Page im laufe des Test meine absolut wichtigste Seite in der App wurde, bietet jede der Seiten zumindest ein gewisses Maß an Hilfestellung oder Informationsgehalt … außer bei der „Detections“ Page. Hier war während der gesamten Testzeit fast nur selten etwas anderes als „OK“ in allen Bereichen zu sehen. Ganz selten gab es ein gelbes “Poor” unter Pogo. Dann wusste ich aber auch immer warum, denn ich war dann immer unmittelbar vorher im heftigen Wiegenritt einen Anstieg hochgekurbelt. Bis zum Ende des Tests bin ich noch nicht drauf gekommen welchen echten Nutzen diese Page für den Fahrer haben soll. Diese Seite gehört nach meinem Empfinden entweder gelöscht oder deutlich erweitert. In ihrer aktuellen Form war sie für mich wertlos.

Device nicht gefunden: Außerdem kam es in der spätern Testphase ein paar Mal vor, dass mein Smartphone eine ShockWiz Einheit nicht immer auf Anhieb gefunden hat – selbst nach dem Neustart der App und mehrmaligem An- und Abschalten der Bluetooth Antenne nicht. Normalerweise bin ich dann einfach losgefahren um dann einen oder zwei Stopps weiter festzustellen, dass die Kopplung doch funktioniert hat. Weil die Datenverarbeitung und Speicherung ja im ShockWiz abläuft ist das nicht weiter tragisch. Unangenehm ist es aber trotzdem, wenn man keine neue Test-Session starten oder die Daten einzusehen kann.

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Fazit: QUARQ hat mit ShockWiz eine komplett neuartiges Produktgruppe eingeführt. Ein digitales und dynamisch auf die gefahrenen Trails reagierendes Tool, das präzise Vorschläge macht wie man sowohl die Federgabel als auch den Dämpfer noch besser machen kann. In der ersten Testphase mit eine kompletten FOX Fahrwerk hat ShockWiz bei mir einen rundum positiven Eindruck hinerlassen. Die Ergebnisse waren immer präzise und leicht reproduzierbar. Zudem lehrt es den Biker sich ohne Angst ans Setup zu machen und hilft ihm seine Federelemente besser zu verstehen und besser zu nutzen. Diesbezüglich sehe ich in ShockWiz nur Vorteile.

   

Weil die Ergebnisse systembedingt immer von real gefahrenen Trails abhängen und es gerade auf längeren Ausfahrten zu Schwankungen in den Vorschlägen kommt sehe ich aber Grenzen in der Nutzbarkeit: Während ShockWiz den Biker sehr effektiv und präzise zu einem streckenspezifischen Optimal-Setups führen kann, ist es für den stärker variierenden Ansprüchen eines Tourenfahrers bereits zu präzise. Durch die spezielle Art der Datenauswahl und den eingeschränkten Speicher gekoppelt mit klaren Anweisungen gaukelt es dem unerfahrenen Biker so schnell eine Kompetenz vor, die es nicht hat und überfordert den Fahrer durch sich ständig ändernde Setup-Vorschläge. In seiner aktuellen Form ist die Software daher für den Tourenbiker nur dann hilfreich wenn man sie nicht als „allwissenden“ Ratschluss, sondern lediglich als Wegweisung und Hilfestellung ansieht. Nur so führt sie den Tourenbiker zu einem soliden Grundsetup, das immer auch einen Kompromiss bedeutet. Auch ShockWiz kann die Erfahrungen eines Bikers und sein gut geschultes Popometer nicht ersetzen, es sehr wohl aber unterstützen.

RIDE ON,
c_g

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Anmerkung am Rande: Wie bei allen modernen, digitalen Hilfsmitteln kann ShockWiz eine echten Erleichterung sein – in diesem Fall beim Fahrwerkssetup. Das System hat aber auch das Potential den unbedarften Nutzer dazu zu verführen sich so zu sehr auf Nebensächlichkeiten, hier den Tuning Score des Fahrwerks zu fokussieren und diesem mit aller Energie hinterher zu jagen, statt die Freude und den Spaß am Biken voll zu erleben. “Brave New World” eben …