ONZA Canis 27,5x2,85“ – Trail-Erfahrungen und Testfazit: von MiMü

Nach ausgiebigem Test ist es nun Zeit für ein Fazit zum ONZA Canis Plusreifen …

Manche Tests ziehen sich. So habe ich euch den ONZA Canis 2,85 Plusreifen bereits in der zweiten Dezemberhälfte vorgestellt, kann euch aber erst jetzt das Fazit dazu geben. Weil schon bald nach dem Intro der Winter in meiner Region Einzug gehalten hat und er die Trails lange nicht aus seinen eisigen Klauen entlassen wollte, hat es halt etwas länger gedauert. Wie würde sich der Allround- bzw. All-Mountain-Reifen in der Plusvariante also unter normalen Testbedingungen schlagen? Das galt es herauszufinden nachdem er sich auf den verschneiten Trails ja bereits erstaunlicherweise gut geschlagen hatte. Ich hatte euch hier bereits Ende Januar darüber berichtet.

Das Profil ist deutlich potenter als es aussieht. E bietet fast überall eine hohe Traktion und rollt zugleich ausgesprochen leicht und schnell.

Verglichen mit den anderen bisher auf TNI getesteten Plusreifen fällt beim ONZA Canis das Profil relativ zahm und wenig ausgeprägt aus. Das, genauso wie das 65a harte Compound auf der zentralen Lauffläche machen den Canis auf harten Oberflächen sehr schnell. Hinzu kommt, dass und dank seines geringen Gewichts a(779 g bei unseren Testreifen) auch sehr beschleunigungswillig ist. Weil die Mittelstollen sehr eng stehen rollte der ONZA Canis auch sehr sanft und weich ab, man könnte fast sagen, dass er „dahin gleitet“.
Aber nicht alle Trails bestehen aus festgefahrenem Waldboden oder harten Fortstrassen. Gerade jetzt in der Übergangszeit lauern an allen Ecken Matsch und Co. Um seiner Performance auf tiefen, aufgeweichten Böden genauer auf den Grund zu gehen, scheuchte ich den Plus-Canis des Öfteren über die bereits jetzt fahrbaren Testrunden meines Hausberg. Die Untergründe dort wechseln ständig zwischen lehmig-erdig, wurzelig und steinig-verblockt.

Selbst ein Anstieg in weichem, lehmigen Boden ist damit noch fahrbar.

Zwei Passagen sind dabei immer eine besondere Herausforderung bei der alle bisherigen Testkandidaten – ob normal breit oder „plus“ – mehr oder weniger große Probleme hatten: Da wäre ein etwa 200 m langes, leicht ansteigendes Stück Forststrasse, das eigentlich das ganze Jahr über mit tiefem, rutschigem Lehm bedeckt ist (Foto oben). Nicht wenige Reifen kommen dort schnell ins Schlingern und quittierten bergauf vorzeitig den Vortrieb.
Die Lehmpassage ließ das Profil zwar schnell zugehen, die Zwischenräume hielten aber immer noch so viel Führung und Traktion aufrecht, dass ich der eingeschlagenen Linie folgen konnte und die ganze Passage durchfahren konnte. Lediglich die Selbstreinigung dauert beim Canis vergleichsweise lange. Die engstehenden mittigen Stollen halten den Schmutz lange zurück. Das Seitenprofil reinigt sich dank größerer Abstände zwischen den einzelnen Blöcken etwas schneller.

Und auch diese riesige Rampe war für den ONZA Canis PLsureifen kein echtes Problem.

Das zweite Teilstück besteht aus einem groben Kiesbelag mit zum Teil faustgroßen Steinen, bei ca. 20% Steigung. Auch keine leichte Aufgabe. Hier bestimmt neben der schieren Traktion auch das Dämpfung- und Verformungseigenschaften und das Volumen des Reifens ob und wie lange man den Vortriebe aufrecht erhalten kann.
Nachdem selbst ein Traktionswunder wie der VEETIRE Crown Gem in der steinigen Steilpassage zu kämpfen hatten, fuhr ich mit gedämpften Erwartungen in diese Passage ein – völlig zu Unrecht. Trotz seines nur 3 mm tiefen Mittelprofils giert der Reifen nach Vortrieb, ließ sich auch von den lose liegenden Steinen nicht beirren und zog stur seine Spur nach oben. Natürlich hilft auch sein großes Volumen dabei die großen Steine zu umfassen und dann stabil zu überrollen. Die feine 120TPI Karkasse ist dabei sehr anpassungsfähig. Trotzdem schient sie recht robust zu sein, denn ich bin während der Testphase von jeglichen Reifenpannen verschont geblieben.

–> Auch in diesen beiden Sonderprüfungen hat der eidgenössische Reifen mit amerikanischen Wurzeln sich also von seiner besten Seite gezeigt. Bei beiden Sonderprüfungen schlug sich der ONZA Canis ausgesprochen gut. Sehr viel besser als man es dem gemäßigten Profil zutrauen würde.

Auch auf waldigen Böden ist der ONZA Canis ohne jeden Tadel.

Aber auch auf den anderen weniger radikalen Bodenbeschaffenheiten meiner Testrunden konnte mich der Plus-Rundling von ONZA voll überzeugen. Überraschenderweise fühlte sich der Canis 2,85“ auf weichem, mit rutschigen Nadeln, Laub und Ästen bedeckten Waldboden besonders wohl. Die niedrigen Profilblöcke verzahnen sich dabei bemerkenswert gut und generieren sowohl in Geradeaus- als auch in Schrägfahrt eine ausgezeichnete Antriebs- wie auch Bremstraktion. Trotzdem bleibt der Rollwiderstand dank der geringen Profilhöhe sehr niedrig und es geht immer flott voran. Selbst im Wiegetritt schafft man es nur selten, dass der Canis je den Halt verliert. Die etwas höheren Seitenstollen bieten dagegen in Kurvenfahrten viel Sicherheit und beginnen auf tiefen Böden erst spät zu rutschen. Weil sich das aber immer durch ein leichtes Ruckeln ankündigt, kann man immer gut darauf reagieren. Mit geübter Hand konnte ich das Bike so fast immer wieder eingefangen.

   

Verglichen mit seinen schmäleren Brüdern verfügt der 2,85“ breite Canis ja über zwei zusätzliche Stollenreihen (wir hatten im Intro darüber berichtet). Diese beiden Reihen verleihen dem Reifen ein sehr homogenes, gutmütiges Einlenk- und Kurvenfahrverhalten … und das bei jedem Kippwinkel. Auch hier schient es dem Reifen fast egal wie der Untergrund beschaffen ist – egal ob weich oder hart, ob trocken oder feucht, der Canis lenkt sportlich direkt ein und behält seine Direktheit über den kompletten Kurvenradius, fast schon auf 29er Niveau. Die mancherorts kritisierte Behäbigkeit eines Plusreifens zeigte der ONZA-Testpneu überhaupt nicht, weshalb mir gerade schnell aufeinander folgende Kurven besonders viel Spaß gemacht haben. ONZA hätte natürlich auch einfach das bereits etablierte Profil des schmalen Canis auf Plus-Größe vergrößern können, aber nach meinen Erfahrungen sehe ich die Entscheidung zwei zusätzliche Profilreihen einzufügen als einen noch besseren Weg an.

Über Wurzeln kann der Reifen beweisen wie gut de Dämpfung ist und wie sich die Karkasse an den Untergrund anschmiegen kann.

In Wurzel- wie Steinpassagen spielt der ONZA Canis im Plusformat erwartungsgemäß die Vorteile des größeren Reifenvolumens noch überzeugender aus. Auch mit Luftdrücken um 0,8 bar bleibt die Karkasse bemerkenswert stabil mit nur geringen Walktendenzen. Man könnte meinen, dass der geringe Luftdruck das Kurvenverhalten schwammig und undefiniert werden lässt. Aber weit gefehlt, mittels der stabilen Karkasse schafft der Canis auch in dieser Disziplin den Spagat aus Direktheit und Komfort. Die breite Abstützung durch die AMERICA CLASSIC Smokin’Gun Felge (40 mm Innenweite) fördert dies natürlich ebenfalls, weil sie aber bei allen bisherigen Plusreifentests als Laufradsatz zum Einsatz kam, ist der direkte Vergleich zulässig. Der niedrige Luftdruck verleiht dem Reifen natürlich sehr gute Dämpfungseigenschaften über Wurzeln oder Felskanten, die aber auch bei Drücken um die 1,1bar noch sehr gut sind. Die Traktion und die Bremsverzögerung schienen mir paradoxerweise bei dem letztgenannten, höheren Druck sogar noch eine Spur besser. Somit kann ich dem ONZA Canis zu allem bereits ausgesprochenen Lob auch noch attestieren, dass er weniger empfindlich gegenüber geringen Luftdruckschwankungen ist, als so manche andere hier getestete Plusreifen.

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Testfazit

Nach nunmehr fast 3 Monaten hat sich der ONZA Canis wirklich als ein erstklassiger Allrounder erwiesen.

Der ONZA Canis 27,5x2,85“ war eine echte Überraschung für mich und hat sich im Testbetrieb keine einzige richtige Schwäche geleistet. Mit seinem ordentlichen Reifenvolumens bietet er einen hohen Fahrkomfort und eine sehr gute Traktion auf allen erdenklichen Untergründen, sogar vor lehmig-tiefen Trails und losen Steinen gab er sich keine Blöße. Sein Kurvenverhalten war mustergültig und auch das bei Plusreifen oft schon spürbare Self-Steering oder gar ein schwammiges Einlenken sind dem Canis erfreulicherweise komplett fremd. Selbst bei sehr niedrigen Drücken um 0,8 bar blieb der Reifen noch recht unauffällig.

Durch den Baumslalom auf meinen heimischen Trails fuhr er sich fast schon wie ein sehr komfortabler 29er Reifen. Sein geringes Gewicht von nur 779 g und der lobenswert niedrige Rollwiderstand sind weitere Vorzüge des Reifens.
Dementsprechend sehe ich den ONZA Canis 2,85“ auch mit einem sehr breiten Einsatzspektrum – vom sportlich-aggressiven Trailbiker und All-Mountain-Fahrer bis hin zum Komfort suchenden Marathonisti. Lediglich der hohe Preis von 119,99.- Euro (124 für die noch schickere, aber auch schwerere Skin-Wall Version) dürfte den einen oder anderen Interessenten abhalten. Hier schlägt sich der hohe Preis aber tatsächlich auch in der Performance nieder, bei der der ONZA Canis Plusreifen keine Konkurrenz zu fürchten hat.
Von allen bisher bei TNI getesteten Plusreifen ist mir der ONZA Canis bisher der Liebste. Er hat alle Vorzüge eines 27,5“+ Reifens wie den hohen Komfort und eine tolle Traktion, bietet aber zugleich fast schon das direkte Handling und Überrollverhalten, das ich sonst eher mit den geliebten 29ern in Verbindung bringe. Für mich ist der ONZA Canis 27,5x2,85“ damit ein nahezu perfekter Plusreifen.

MiMü