NORCO Sight 9.2 – Zwischenstand: von c_g

Mittlerweile habe ich das erst vor kurzem offiziell vorgestellte NORCO Sight Carbon 9.2 genau 2 Wochen lang im Test – Zeit für einen Zwischenstand. Mit seinem Federweg von 130 mm am Heck und 140 mm an der Front, der modernen Trail-Geometrie und einer sorgfältig ausgewählten Ausstattung vereint das Sight 9.2 eigentlich alle Zutaten, um mich schon aus dem Stand zu begeistern.

Das neue NORCO Sight Carbon ist das erste All-Mountain der Kanadier, das es auch im 29er Format gbt.

Aber es hat ein wenig gedauert, bis ich mich mit dem neue All-Mountain 29er aus Kanada so richtig angefreundet habe. Irgendwie war die Anfangsphase des Tests durch kleinere Hürden geprägt. Da war zum einen das anfängliche Gefühl, dass das NORCO Sight sich größer gefahren hat als die Zahlen es mich haben vermuten lassen.
Sobald ich aber den Sattel etwas weiter nach vorne versetzt habe und die Cockpit-Armaturen etwas nach das innen versetzt habe (der 800 mm Lenker ab Werk ist gerade für große Fahrer eine super Sache, war mir persönlich aber einfach ein wenig zu breit), war das Thema aber schnell erledigt. Ein zweiter Aspekt, der mich vollkommen unerwartet beschäftigt hat, war ein wenig sorgfältiger Aufbau des Testbikes. Ein Kettenriss auf der 2. Ausfahrt, eine SHIMANO XT Bremse, die erst nach einem erneuten Entlüften ordentlich funktioniert hat und eine Hinterrad, das nach nur drei recht gemäßigten Ausfahrten wegen reihenweise lockerer Speichen auf den Zentrierständer musste, sprechen für sich.

Auch wenn man es dem Federweg von 130 und 140 mm nur bedingt ansieht, mag es das Sight gerne etwas gröber und wilder.

Doch auch solche anfänglichen Problemchen, die hoffentlich nur unser Testbike betreffen, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass das neue NORCO Sight ein richtig fähiges und vielseitiges 29er ist. Sobald die oben genannten Themen geklärt waren, konnte das Sight zigen, was man bei NORCO unter einem progressiven All-Mountain 29er versteht.

Die Sitzposition auf dem Bike (Rahmengröße Large) fällt mit meinem 1,83 m Körper und 85 mm Schrittlänge schön mittig und gut ausbalanciert aus. Außer einer Sattelüberhöhung, die für meinen Geschmack etwas zu stark ausfiel, gibt es von keinerlei Auffälligkeiten zu berichten.

 

Sobald ich das Cockpit etwas nach oben gestellt hatte, was auch das behoben. Optisch mag der Spacerturm vielleicht etwas unvorteilhaft wirken, aber funktionell kann ich NORCO nur dafür loben, dass man dem Fahrer die Möglichkeit der Sitzpositions-Anpassung gelassen hat. Insbesondere aggressive Fahrer, die eine sehr geduckte Sitzposition bevorzugen freuen sich darüber, dass sie wegen des extrem kurzen Steuerrohr keine negativen Vorbauten montieren müssen. Für Fahrer mit einer eher normalen Sitzposition mit weniger Sattelüberhöhung bietet der lange Gabelschaft und die mitgelieferten Spacer auch hierzu ausreichend Möglichkeiten. Auch hier gilt: Kürzen kann man immer. Gut mitgedacht von NORCO.

Auf derart einfachen Trails fühlt sich das NORCO Sight mitunter etwas “unterfordert” an.

In Sachen Handling ist das Sight ein weiteres Beispiel eines Bikes, das die Gratwanderung zwischen Laufruhe und Agilität eher zugunsten der Laufruhe beschreitet. Das heißt nicht, dass das Bike störrisch oder gar langweilig wirkt, sondern dass es einen aktiven Fahrstil bevorzugt und dafür den Biker vor allem auf technischen Trails mit viel subjektiver Sicherheit belohnt. Damit kommt es auch bei High-Speed und ruppigen Passagen erst sehr spät an seine Grenzen. Auf einfachen Trails, beim Kilometersammeln auf Forststrassen oder einfach nur tourenmäßig bewegt, wirkt das Sight für mich ein wenig „unterfordert“. Noch bin ich mir unsicher ob das seine Ursache in der Geometrie oder der Ausstattung (griffige TrailStar-Reifen vorne wie hinten) hat, aber das hoffe ich noch herauszufinden.

Der A.R.T. Viergelenker-Hinterbau ist sehr gelungen und steckt mit 130 mm beachtlich viel weg.

Der Hinterbau gibt sich auf dem Trail angenehm antriebsneutral. Dementsprechend selten habe ich die Plattformdämpfung des ROCK SHOX Deluxe Federbeins je eingelegt. Lediglich auf ganz besonders steilen Anstiegen oder sehr langen Forststrassen um die Sitzposition wieder ein wenig zu neutralisieren. Die gut ausbalancierte Sitzposition bewirkt auch, dass man mit dem Sight selbst steile Trails gelassen erklettert. Die erforderliche Gewichtsverlagerung in maximal steilen Trails fällt moderat aus. Angesichts des doch recht kompakten Hinterbaus (432 mm Kettenstreben-länge) hat mich das positiv überrascht. Klar, setzt das Gewicht von über 13,5 kg gewisse Grenzen bei der Beschleunigung, aber was die Effizienz des Rahmens angeht, gibt es nicht viel, was man daran aussetzen kann. Für den Toureneinsatz des Bikes wirkt der Hinterbau auch mit weit geöffneter Dämpfung (OPEN mit nur einem Klick in der Zugstufe) ein wenig zu direkt, dafür liegt das Bike mit forscherer Fahrweise und immer ruppigeren Trails zunehmend satter auf dem Trail. Kleinerer Sprünge und Drops steckt der Hinterbau ebenso souverän weg wie Wurzeltrails. Auch die Progression stimmt – die wenigen sanften Durchschläge bei unsauberen Sprüngen dienen als Beweis hierfür.

Bei der PIKE waren die Durchschläge bei 20% statischem Sag selten, was für eine gute aber auf aggressive Fahrer ausgerichtete Grundabstimmung des gesamten Fahrwerks spricht. Auch hier merkt man dem Bike seine Wurzeln in den berüchtigten North-Shore Trails an, auf denen das Bike entwickelt wurde.

Ausstattung: Bis auf die oben genannten Anfangsproblemen im Aufbau hat das NORCO Sight bisher kaum Ausstattungsschwächen gezeigt.

Für den Magic Mary sind solch schlammigen Trails kine Problem. Der Nobby Nic am HR hat dann aber bereits zu kämpfen.

Auf den zuerst sehr schmierigen Trails ist mir durch ein häufig ausbrechendes Heck zwar recht oft verdeutlicht worden, dass der Nobby Nic einfach nicht die gleichen Traktionsreserven hat, wie der Magic Mary an der Front, aber mit zunehmend abtrocknenden Trails wurde das immer weniger relevant. Reifenwahl ist eben immer eine sehr subjektive Sache und für den Charakter des Sight ist die Serienkombi sicher kein Fehlgriff. Überhaupt erweist sich auch hier die 30 mm Innenweite der RACE FACE AR Felgen als optimale Kombi mit den 2,35er SCHWALBE Reifen.

Woran es genau liegt, kann ich noch nicht sagen, aber bisher kämpfe ich beim Sight regelmäßig mit eingeschlafenen Händen.

Eine Sache die mich etwas irritiert, ist dass ich bei längeren Fahrten mit dem Sight regelmäßig unter eingeschlafenen Händen leide. Der Wechsel auf anderer Griffe und auch das Erhöhen des Cockpits haben das zwar etwas gelindert, aber nicht ganz behoben. Andere, hier weniger sensible Fahrer werden das vermutlich gar nicht spüren.

Die Interne Zugführung ist sehr aufgeräumt und bisher absolut klapperfrei.

Ansonsten ist die Ausstattung bisher funktionell ohne Tadel und zeigt sich von der unauffälligen Seite. Die ONE-UP Minikettenführung verrichtet ihren Dienst zuverlässig und auch die über weite Bereiche aufgeräumte, intern verlaufende Leitungsführung ist bisher absolut klapperfrei.

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Zwischenstand:

Auch wenn die anfängliche Testphase des Bikes durch Schwächen im Aufbau des Testbikes getrübt wurde, hat sich das NORCO Sight C 9.2 bisher als sehr fähiges All-Mountain 29er erwiesen. Wie aus einem Guss fügen sich das sichere und laufruhige Handling, die robuste Ausstattung und das sehr potente Fahrwerk zu einem Bike, das es gerne schnell und gröber hat.

… auf in die zweite Runde des Tests!

Mit Details wie dem kurzen Steuerrohr und dem breiten Lenker lässt NORCO dem Fahrer viel Raum, das Bike individuell anzupassen. Insgesamt wirkt das Sight bisher auf mich, als wäre es zwar problemlos dazu fähig als Tourenbike und Allrounder genutzt zu werden, sein vollen Potential offenbart das Bike aber erst bei einer aggressive Fahrweise und auf Trails, die einem modernen All-Mountain 29ers würdig sind. Ich bin gespannt welche Erkenntnisse die zweite Testphase noch so ergibt.

RIDE ON,
c_g