„Irren ist menschlich“ und „Lernen gehört zum Leben“: von Grannygear und c_g

Vorwort: Keiner gibt gerne zu, dass er etwas falsch gemacht hat, oder dass eine Meinung, die man bisher vertreten hat, mittlerweile revidiert worden ist, aber dennoch ist genau das ein Teil unseres täglichen Lebens. Warum also nicht auch wenn es um die Wahl unserer Bikes geht? Vermutlich aus Stolz fällt es uns oft schwer hier über Kompromisse hinwegzusehen. Schließlich haben wir ja viel Zeit und Mühe in die Auswahl unserer Bikes gesteckt und dann doch zuzugeben, dass die letztlich getroffene Wahl, doch nicht die beste war. Hier zwei Beispiele aus den Reihen von TNI.

*************************************

Projekt „New Whip – 1.0“ (von Grannnygear)

In der Welt des Mountainbikes geht es darum Spaß zu haben, unseren Sport zu genießen und natürlich auch um Technologien und Trends. Normalerweise bin ich ziemlich trendresistent und weiß genau, was ich will – doch hier in dem Fall oder vielmehr in dieser Bikesaison war es alles anders …

1 New Whip_SALSA

Das SALSA Horsethief Custom, Codename “New Chip” wurde mit viel Mühe geplant, liebevoll zusammengebaut und war am Ende doch nicht das was ich wette … weil ich bis vor kurzem garnicht mehr wusste, was ich wirklich wollte!

Bei dem Project „New Whip“ ging es darum mir selbst ein Bike zusammenzustellen, das mir für die Saison 2016/17 als Testplattform und auch als primäres Bike dienen sollte – ein Bike mit dem ich selber gerne fahre, das auf meinen typischen Trails perfekt ist und dennoch auch auf Biketrips an anderer Orte ein sehr guter Partner wäre. Dieses Bike ist nun fertig ein SALSA Horsethief (Größe Large, Jahrgang 2015 und deswegen noch 142×12) mit einer MRP Loop TR Federgabel (130 mm), einer SHIMANO XT 2×11 Komplettgruppe und AMERICAN CLASSIC Wide Lightning Laufrädern (Non-Boost, natürlich). Es hat schon ein paar hundert Kilometer hinter sich … nur leider muss ich mir selber eingestehen, dass ich im Findungsprozess, wohl ein paar Dinge missachtet habe. Viele der Fehleinschätzungen kommen einfach daher, dass ich noch in alten Denkmustern gefangen war … Ich hatte mir zu dem Bike im Planungsprozess, der bereits Anfang 2016 begonnen hat, viele Gedanken darüber gemacht ob ich mit den modernen Trends mitgehen sollte und wollte, ob das Bike schon Boost haben sollte und wie genau die Geometrie meines „Idealbikes“ auszusehen hätte und das oben genannte Bike war da Ergebnis daraus. Und fairerweise bleibt festzuhalten, dass das Custombike wirklich klasse ist, mit gerade mal 13,4 kg, und den extrem vielseitigen und dennoch bezahlbaren Teilen ist es eigentlich genau das was ich zum Zeitpunkt der Planung wollte – bergauf ein sehr effizientes und nicht zu schweres Bike, das es mit so manchen echten XC-Bikes auf nehmen kann und bergab zuverlässiges und fähiges Bike an der Grenze zum Trailbike. Eigentlich das perfekte „Ein-Bike-für-Alles-Bike“ … aaaber …
Eine meiner bewussten Entscheidungen damals war es, dass ich einen Rahmen ohne den neuen Rahmenstandard Boost haben wollte. Einerseits erschien es mir nicht als notwendig und andererseits hatte eich ja bereits absolute geniale Laufräder mit normalen Naben. Also warum mit einem neuen Standard meine bisherigen guten und vertrauten Komponenten damit zum Alteisen zu erklären. Weil ich selber sehr gerne lange bergauf fahre, bin ich immer ein Verfechter von 2×11 Schaltungen gewesen und mit der neuen SHIMANO XT 2×11 sehe ich einen sehr guten Kontrapunkt zu dem, was ich persönlich als „1xWahn“ ansehe. Auch beim Rahmen war die Wahl genau geplant – 120 mm am Heck und ein leichter Carbonrahmen sollten es sein, ohne dabei groß von dem abzuweichen, was ich mag und kenne und da war das SALSA Horsethief eine leichte Wahl, weil ich das Bike sehr gut kenne. Was genau war es dann, das mir den Spaß an dem sehr guten Bike verdorben hat?

Plus…Plus…Plus.

4 SPECIALIZED Fuse

Die Erfahrungen mit dem Plus-Format haben mich mehr geprägt als erwartet. Aber erst als ich nicht mehr Plus fahren konnte, habe ich es gemerkt.

Wie schon gesagt, geht die Planungsphase bis Anfang 2016 zurück. Damals war ich nur 29er Bikes und Laufräder gewohnt und Plus-Bikes waren noch die absolute Ausnahme. Das SPECIALIZED Fuse war das erste B+ Bike, das ich länger gefahren bin. Und das hat mir wirklich gut gefallen. Zum ersten Mal habe ich angefangen Plus-Bikes zu schätzen (aber auch zu erkennen, was sie nicht können). Was mich dann aber wirklich überrascht hat, war wie sehr ich bei meinem neuen Bike plötzlich die Möglichkeit vermisst habe es einfach mal für gewisse Trails auf Plus umzurüsten. So gut und fähig 29er mittlerweile auch sind und so sicher ich mir bin, dass ich kein reines Plusbike haben will, so sehr habe ich auf einmal diese ganz andere Art von Spaß vermisst, den die Plus-Formate auf manchen Trails bieten. Aber genau diese Option habe ich mit der Entscheidung gegen Boost schlichtweg missachtet … B+?… oops.
Mittlerweile gibt es viele Bikes in der gleichen Federwegsklasse wie das SALSA Horsethief, welche die Option für beide Laufradformate bieten und wie es aussieht, werde ich mich wohl in diese Richtung umsehen müssen und damit das Projekt „New Whip 2.0“ angehen … dieses Mal mit einem Plus-kompatiblen Bike. Mehr dazu in Bälde.

************************************************

Ich bin doch nicht gewachsen, oder? (von c_g)

Ich sitze nun seit 1989 auf Mountainbikes und habe in der Zeit schon so allerlei verschiedene Bikes gefahren. Als Tester gewöhnt man sich daran, dass nicht jeder Rahmen immer die perfekten Proportionen hat. Man lernt einerseits diese Unterschied wahrzunehmen und andererseits darüber hinweg zu sehen um den Charakter und das Handling des Bikes möglichst objektiv zu beurteilen.
Wie jeder weiß, der sich nach einem Bike umgesehen hat, bedeuten Rahmengrößen an sich nicht viel, weil jeder Hersteller andere Geometrien und Philosophien verwendet und so kann von Marke X der Rahmen in L, der richtige sein, während man von Marke XY doch eher einen Rahmen in Gr. Medium braucht. Ich selbst liege ich mit meinen 1,82 cm und recht normalen Proportionen bei vielen Herstellern zwischen Medium und Large. Soweit ist das wenig aufregend, doch was mich dieses Jahr wirklich verwundert hat, ist Folgendes:

DSC_5578

Das 18″ CUBE Stereo 140 C:68 SLT 29 dient mir bereits die ganze Saison als Dauertestbike und ist ein echt tolles Bike …

Im November 2015 hatte ich ein CUBE Stereo 140 C:68 SLT 29 in Rahmengröße Medium (18“)  im Test. Das hat mir so gut gefallen (Testfazit hier) , dass ich es mir für dieses Jahr als Dauertestbike/Testplattform erbeten habe und seither nutze. Der 18″ Rahmen ist mit seinen Maßen (effektive Oberrohrlänge von 590 mm und ein Reach von 421 mm) damals für meinen Geschmack perfekt gewesen. Dachte ich wenigstens  … :-).
Doch dann kamen 2016 diverse Testbikes angerollt, die deutlich länger gebaut waren und mir anfangs fast schon zu lang vorkamen – das PYGA Stage Max (Testintro mit allen Infos) mit einem eff. Oberrohr von 617 mm und einem Reach von 450 mm deutlich länger ausgefallen ist. Zu meiner Überraschung habe ich die Länge des Rahmens überhaupt nicht als „zu lang“ empfunden und das Bike wirklich als saufgut erlebt – hier das Testfazit. Dann kam das wirklich lange POLE Evolink 140 EN im Kurztest am Gardasee, das schon in der Rahmengröße Medium ein effektives Oberrohr von 621 mm hatte und einen wirklich Reach von 480 mm (!) hatte …. und wieder war die Länge kein Störfaktor, sonder etwas für mich willkommenes. Zuletzt waren es dann die Tests des NORCO Optic 9.2, das ich sowohl als Large, wie auch als Med fahren konnte und das VOTEC VC Pro Hardtail in L die mich beide begeistert haben.

13 CUBE Stereo 20%22

HIer die beiden Rahmen gegenübergestellt – links der bisherige 18″ und rechts der neue in 20″.

Und mit jedem Testbike, das deutlich länger war, kam mir auf einmal mein gewohntes und geliebtes CUBE Stereo 140 C:68 Dauertestbike ein wenig „zu kurz“ vor. Vor ca. 2 Monaten dann habe ich CUBE gebeten mir probehalber einen 20“ (= L) Rahmen zu schicken, den ich dann aufgebaut und wechselweise mit dem 18“ (= Med) gefahren bin. Und siehe da, auch hier hat mir der größere Rahmen mit seinem effektiven Oberrohr von 608 mm und dem korrespondierenden Reach von 436 spürbar besser gefallen – effektiver und schneller auf Strecke und dennoch genauso verspielt und agil im Gelände.

60 BFO H2O

Auch mit dem 20″ Rahmen des CUBE Stereo war ich schon einiges unterwegs und komme damit sogar noch besser zurecht.

Was ich mit der Geschichte sagen will? Ganz einfach: Manchmal ist es gut offen zu sein, dazulernen und alte Gewohnheiten und Konzepte zu hinterfragen. Sei es bei der Rahmengröße, wie hier, sei es den neuen modernen Trail-Geometrien eine Chance zu geben (auch hier habe ich viele gute Erfahrungen gemacht) oder sogar mal ein anderes Laufradformat auszuprobieren wie GG oben, der B+ als echten Gewinn für sich erlebt hat. Wer, weiß, vielleicht kommt am Ende ein Bike heraus, das einem noch besser liegt als man es vorher für möglich gehalten hat .. so wie mir das neue 20“ CUBE Stereo 140 29er, mit dem ich fortan unterwegs sein werde.

RIDE ON,
c_g